Zu philosophischen Grundlagen von Psychotherapie und Psychoanalyse
Nürnberg, Dienstag, 13.10. 2009 Martin Schimkus
Zur Einführung: Die psychotherapeutische Haltung 1
Schafer 1983 „attitude“
Kutter und andere 1988 „Die psychoanalytische Haltung“
Alle Gefühle, Denk -und Verhaltensweisen des Psychotherapeuten gegenüber seinem Patienten , die er von sich aus in die psychotherapeutische Situation einbringt und die sich dann auf den Patienten und auf den psychotherapeutischen Prozess auswirken
Die psychotherapeutische Haltung 2
Konstante Haltungen: Identität des Psychotherapeuten, verwurzelt in seiner Person und seiner Profession: seiner persönlichen Geschichte seiner Überzeugungen , Werte, Bindungserfahrungen Professionelle Grundhaltung: wohlwollende Neutralität und Abstinenz: Offenheit, Vertrauen, Geduld, Flexibilität Empathie, Gleichschwebende Aufmerksamkeit
Die konstanten Haltungen können bewusst sein (s. o) aber auch unbewusst: persönliche Lehranalyse, seine Beziehung zu Lehrern und Supervisoren, das persönliche Milieu, in dem er lebt.
Vgl. Josef Dantlgraber in Mertens /Waldvogel 2000 :Psychoanalytische Haltung S. 270
Die psychotherapeutische Haltung 3
Inkonstante Haltungen: Sie ergeben sich aufgrund des Verständnisses eines bestimmten Falles oder der Einschätzung bestimmter Phasen des psychotherapeutischen Prozesses um diesen in Gang zu halten oder zu intensivieren (bewusste Behandlungskonzepte)
Unbwewusste Behandlungskonzepte : Z. B. „furor sanandi“ (Therapeutischer Ehrgeiz ,Freud 1912e, S. 385)
Psychotherapeutische Haltung 4
Analogien :Chirurg (Freud, 1912e) „kühle Distanz“ Versteher (Ferenczi, 1918 „empathisch, zugewandt“ Archäologe (Mertens, Haubl 1996) Dedektiv (Mertens, Haubl 1995) Sprachforscher Künstler Beobachter „ Wie Wesen von einem anderen Stern“ H. Sachs, 1948 Historiker Seefahrer mit Kompass und Sixtant (Kächele 2009)
Psychotherapeutische Haltung 5 Es gilt als „common ground“ aller psychodynamischen Richtungen: die Forschende Grundhaltung des Psychotherapeuten zwischen Wissen und Nicht –Wissen:
Der Tiefenpsychologe untersucht Inhalte, die das UBW freigibt und diese UBW Inhalte werden zunächst einmal nicht verstanden, da es durch unvermeidbare Barrieren geschützt ist. Wir können nicht wissen, was das UBW des Patienten für uns bereit hält. Zweifel und Skepsis herrschen vor. Therapeutische Kompetenz besteht darin, genau das auszuhalten. Die Wahrheit, die gesucht wird ( „Wo Es war, soll Ich werden“, intrasubjektiv, Freud) wird zusammen mit dem Patienten entwickelt (Intersubjektivität): Zunächst werden individuelle Theorien entwickelt, die sich zu nicht indviduellen Methaphern verdichten, in Konzepte münden, sich dann in theoretische Modellen niederschlagen (Leutzinger- Boleber in der LAC Studie des Sigmund Freud Instituts Frankfurt 2009)
„Schon die alten Griechen…“ 1
These: Unsere (bw-ubw) therapeutischen Haltungen werden von vielen uns eingeprägten Sätzen bestimmt, die individuell erworben sind(„family sayings“) aber auch zum Teil jahrtausende Jahre alt sind:
Sie stammen aus der Frühgeschichte unserer Kultur, z. B. der Kultur der Griechen (ab 300 v. Chr.) bis zu heutigen philosophischen Strömungen und Kulturphänomenen. Zur aktuellen Diskussion: Gödde : Traditionslinien des „Unbewußten“ Schopenhauer- Nietzsche- Freud (2009)
„Schon die alten Griechen…“ 2 1. Erkenne Dich selbst. (Thales von Milet um 625-um547 v. Chr.) 2. Alles fließt ( Heraklit um 540-um 480 v. Chr.) 3. Ich weiß, daß ich nichts weiß (Sokrates um 470-um 399 v. Chr.) aus Helge Hesse 2006
1. Erkenne Dich selbst "Mit dem Satz „Erkenne dich selbst“ des Thales von Milet (um 625- um 547 v. Chr.) beginnt die abendländische Philosophie der Vorsokratiker. Der Sinnspruch soll im Stein des Tempels beim Orakel von Delphi eingeschrieben worden sein (darüber gibt es freilich einen Urheberstreit). „Er steht für die Abkehr vom Vertrauen auf die Götter und für den Beginn des Nachdenkens über den Ursprung, den Lauf und die Zusammenhänge der Welt.“ (H. Hesse S. 14)
Die damaligen vorsokratischen „Naturphilosophen“ suchten nach dem die Welt durchdringenden Urstoff aus dem alles entstanden ist. Aristoteles berichtet, für Thales sei dieser Urstoff das Wasser gewesen: alle Pflanzen seien feucht, auch alle Samen. Alle Leichen hingegen trocken. „Seit über 2500 Jahren mahnt der Anfang der Philosophie jeden, sich und sein Dasein in der Welt zu hinterfragen und die eigene Rolle im Leben zu finden“ (H. Hesse S. 15) 2. Alles Fliesst (panta rhei) „Auf den ersten Blick könnte man meinen Heraklit (um 540 v. Chr.- 480. v. Chr.) habe den staffelstab des Thales von Milet übernommen.Denn der hatte gesagt, der urstoff allen seins sei das wasser. Das Neue bei Heraklit war, daß er das Wasser als etwas Dynamisches verstand. Für ihn war alles im Fluss. Alles wird, alles vergeht, alles ändert sich. Nichts bleibt wie es ist“ (H. Hesse S. 17) Das Wasser ziehe aber auch in schändlichste Tiefen. Das Feuer sei die Ursubstanz aller Dinge, denn Feuer wandle sich „in das All und das All in Feuer“ wie es in den von ihm erhaltenen Fragmenten heißt“ (Hesse S. 17) Hiermit befand sich Heraklit im Gegensatz zum damaligen Mainstream der durch Parmenides repräsentiert war; Alles Sein wäre unveränderlich und schon immer da gewesen. Heraklit dagegen (überliefert durch Platon im Kratylosdialog): „Wir können nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“ (ebenda S. 19)
3. Ich weiß, dass ich nichts weiß Diesen Satz des Sokrates um 400 v. Chr. berichtet Platon im Zusammenhang mit dessen Verurteilung zum Tode wegen Nicht-Anerkennung der Götter und wegen Jugendverderberei. Als „sokratische Methode“ gilt eine besondere Art des Gesprächs, in dem der Lehrer der Hinterfragende ist und er den Schüler animiert über die gestellten Fragen nachzudenken und das was er eigentlich meint, zu sagen und so zu Wahrheit, Weisheit und richtigem Handeln zu gelangen. „Jede Suche nach Erkenntnis beginnt mit dem Eingeständnis, etwas nicht zu wissen“ (H.Hesse S. 26) Vor voreiligen Schlussfolgerungen soll gewarnt werden. Vergleiche hierzu auch A. Laimböck (2007) zur Haltung des Analytikers in freischwebender Aufmerksamkeit S. 43 f
Psychotherapie und Geschichte These: Unser gesamtes Gesundheitssystem und unsere Heilungsvorstellungen basieren auf den Vorstellungen von Heilung des Alten Greichenland: Der griechische Gott der Heiler hieß Asklepios, der erste bekannte Arzt war der Priester und Heiler Hippokrates, (Eid des Hippokrates) der auf der Insel KOS die erste Klinik (benannt nach der Heilungsliege der Clinae) eröffnete. Bei Platon und Aristoteles gibt es differenzierte Abhandlungen über die „ Psyche“, die Seele, die mindestens ein eigenes Seminar wert sind.
Psychotherapie und Philosophie Philosophie ist ein ständiger Begleiter der hermeneutisch-argumentierenden Psychoanalyse und der psychodynamischen Psychotherapie so wie auch die Literaturwissenschaft,Soziologie,Theologie,Pädagogik
Was können wir wissen ? Erkenntnistheorie
„Man kann über etwas Bescheid wissen, das nennt man dann repräsentationales Wissen. Eine Theorie ist immer über etwas und dieses Etwas wird in der Theorie repräsentiert: Eine Speisekarte ist nicht die Mahlzeit, eine Landkarte nicht die Landschaft.“ Es gibt daneben das mimetische Wissen das sich dem Gegenstand anzugleichen versucht: Ein Musiker „weiß“ meistens plötzlich, dass ein Musikstück in diesem und in keinem anderen Tempo gespielt werden muss, er weiß das zwingend und kann sich mit anderen Musikern darüber verständigen. Die dritte Form des Wissens wovon z. B. Daniel Stern redet, ist das implizite Wissen: manchmal „wissen“ wir etwas über einen anderen Menschen mit einer Dichte und Sicherheit, die den anderen und uns selbst erstaunt. Aber wir „wissen es eben“. Freud hatte in seiner Traumdeutung das Paradox formuliert das der Träumer sehr wohl wisse was sein Traum bedeute, aber er wisse nicht dass er es weiß - und eben dieses Paradox regiert manchmal unser Wissen über andere. Wir „wissen genau wie einer etwas meint“, dass er an anderes denkt während er spricht, wir sehen wenn plötzlich ein Gedanke in ihm aufblitzt und manchmal „Sehen“ wir einen Kummer von dem wir noch gar nichts zu hören bekommen haben.“( Michael. B. Buchholz 2009: Psycho News Letter Nr. 77 Sept.2009 S. 2) In die psychotherapeutisch- professionelle Praxis gehen alle drei Wissensarten ein und prägen unsere therapeutische Haltung.
Was soll ich tun ? Ethik
„ Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressionstrieb und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. … Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gutes Stück ihrer gegenwärtigen Ruhe und Angststimmung. Und nun ist zu erwarten, dass die andere der beiden „himmlischen Mächte“, der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten. Aber wer kann den Erfolg und Ausgang voraussehen? Freud 1931: Das Unbehagen in der Kultur (GW 14 S. 506)
Was dürfen wir hoffen ? Sinnfragen Traum: (21.11.04, Pat. S.W. ) Es wird die Nike von Samothrake gesucht, sie war in Leinen gewickelt wie eine Gestorbene, oder Mumie und dann in den Katakomben versteckt worden. Ich gehe die Gänge in den Berg, Stollen von denen der Berg durchdrungen ist wie Schweizerkäse.I ch bin erleichtert, daß jetzt viele weißgekleidete Leute, das das ganze Volk nach ihr sucht. Dabei werden sogar die Toten aus ihren Grabnischen geholt, aus ihren Leintüchern gewickelt, überall halbverweste Leichen, Mumien und Leinenfetzen. Doch sie wird gefunden und vor den Berg gestellt. Sie findet ihre alte Form wieder. Sie weint und spricht leise Worte des Dankes und des Glücks.
Was ist der Mensch? Anthropologie Ich und Selbst: „Wenn ich über mich selbst nachdenke, entsteht in mir eine Differenz, der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt, zwischen einer betrachtenden und einer betrachtenden Instanz. Wir sind in der Lage uns von uns selbst zu distanzieren sowie auf uns selbst Bezug zu nehmen… Wir leben nicht einfach nur, sondern sind uns dieses Lebens bewußt: wir leben unser Leben…. Wir haben uns selbst überschritten, wir befinden uns außerhalb unserer Selbst in einer exzentrischen Position. (Selbstbezug)“ Aus: Christian Thies 2004: Einführung in die philosophische Anthropologie, Wiss. Buchgesellsch. Darmstadt.
Literatur
Josef Dantlgraber (2000) „Psychoanalytische Haltung“ in W. Mertens/B. Waldvogel (Hrsg) Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe, Stuttgart, Berlin, Köln (Kohlhammer Verlag)
Günter Gödde: (1999/2009) Traditionslinien des Unbewußten, Gießen (Psychosozialverlag)
Helge Hesse (2006) Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ Frankfurt/Main (Eichbornverlag)
Peter Kutter et.al. (1988) Die Psychoanalytische Haltung. (Verlag internationale Psychoanalyse)
Annemarie Laimböck (2007) „Schwierige Passagen“ Frankfurt/Main (Brandes und Apsel)
Wolfgang Mertens/Rolf Haubl (1996) der Psychoanalytiker als Archäologe, Stuttgart (Kohlhammer)
Hanns Sachs (Original 1948, Dt. Ausgabe 2005) Wie Wesen von einem anderen Stern. Gießen (Psychosozialverlag)